Vor 5 Jahren

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21. Mai

Der Hunger überkam mich früher als erwartet. Kaum aus der Berufsschule stand ich erwartungsvoll vorm weit aufgerissenen Kühlschrank. Es machte mehr Sinn direkt zu Jochen in die Stadt zu fahren und zu kochen.

Bei Sonne und großartiger Musik brabbelten wir beide von unseren vergangenen Tagen, überlegten uns Pläne für den Sommer und kochten Spagh-Bollo.
Glücklich und satt saßen wir auf der Couch und konnten uns jeweils in unseren breit grinsenden Gesichtern spiegeln.
Nach eins, zwei Bier, einem Fruchtstrudel in Vanillesoße und allgemeinen telefonischen Absprachen peilte man zusammen mit den Anderen Richtung Campus-Fest.
Während Manchester – Chelsea besiegte hatte der Nachmittag seine Spuren hinterlassen und so schwebte ich mehr als das ich ging. Von Bekannten zu Bekannten, von Bierstand zu Cocktailbar, von gratis Rum zu Feuerwerk.

Es kühlte schnell ab. Ich konnte es nicht mehr nach Hause schaffen. Die Kälte hatte mich spätestens in Höntrop paralysiert, also machte ich mich auf Nickels Laminat lang und fand am Rausch vorbei, in den Schlaf.

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Weg gewesen

Dieser Beitrag ist das, was mir in den letzten 6 Wochen so durch den Kopf schoß. Relativ ungefiltert.
Für die, die es noch nicht wissen, ich war WWOOFen in Frankreich. Vorher sind mehr als verrückte Sachen passiert. Dort auch, aber anders.

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Ich bin gestern neun Stunden am Stück mit dem Auto gefahren. Alleine. Das hab ich noch nicht so ganz verarbeitet.
Jetzt sitze ich in Flaceleyre, einem Ort, den es je nach Karte mal gibt, oder auch nicht. Und der weder Straßennamen, noch Straßen, geschweige denn Hausnummern hat. Das hab ich auch noch nicht ganz verarbeitet. Der riesige Stein der sich auf den letzten Kilometern gebildet hat, weil ich absolut keine Ahnung hatte, wie ich den Hof mitten in der Nacht ohne eben Straße oder Hausnummer finden sollte, zerbröselt.
Heute von Hand eine handvoll Quadratmeter Kartoffeln von Kartoffelkäfer, seinen Larven und seinen Eiern zu befreien. Hab ich noch nicht verarbeitet. Annähernd den Lifestyle der Leute hier. Noch nicht verabeitet. Plumsklo, Essen und Gastfreundschaft. Nicht verarbeitet. Willis Tod. Nicht verarbeitet.

~

Zu Hause
Zimmer
Wecker
Handarbeit
Handarbeit

Ich denke an zu Hause. Bin gerade eins, zwei Tage hier und denke an zu Hause und vermiss mal wieder alle. Es ist wieder die Phase, aber anders als beim letzten Mal. Besser! Ich freu mich, wenn Sie in gut zwei Wochen genau hier auf der Matte steht.
Life’s getting good again!

Ich glaub, ich geh mal duschen.

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Wiesental


Joe und Ede straucheln aus dem Park.
Hell knallt die Sommersonne ins Wiesental.
Von Irgendwoher schreit ein Kind, als die Beiden abrupt an der Friederikastraße halt machen.
Sie gucken sich müde und versoffen aus zugeknusperten Augen an.
Ein Moment Stille im Morgenbrummen der Stadt.

Um halb drei klammert sich Ede an die zwei Kickerstangen vor ihm. Er verteidigt mit wankenden Vor- und Zurückbewegungen. In seinem Mund fliegt eine Selbstgedrehte hektisch von Winkel zu Winkel. Der Rauch lässt seine Augen tränen. Blind und besoffen spielt er abgrundtief scheiße.
Im Sturm kämpft Joe dem Blutalkohol und Wirren seines Mitspielers zum Trotze dem Sieg entgegen.

Fuffzichcent später krabbelt Joe an der Theke durch sein Portemonnaie und prüft die Finanzlage, während sich Ede langsam, mit einem Arm lässig im Biersiff gelehnt, neben ihm aufbaut.

Zwei Pils

Die Meter durch den Park ziehen sich wie kilo.
Die zwei Fiege von der Tanke beschweren jeden Schritt. Joe, mit Tabak, Zigarettenpapier und Schrittmaß hadernd, bleibt stehen und gibt Ede sein Bier. Ede bleibt stehen, nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Pulle und kotzt Joe vor die Füße.

Haste jetzt in mein Bier gekotzt?!
nene. alles gut. weitergehts.

Vorm Inteshop sitzend sind Ede und Joe gerade damit beschäftigt den Tabak dekorativ auf dem Gehweg zu verstreuen. Hinter Ihnen würde langsam ein hellblaues Glühen den Himmel entlangspazieren. Doch dafür hat Ede keinen Blick. Ein debiler Plan manifestiert sich im Brauwasser seines Hirns.

Freibadeinbrechen!
Jooo!

Bläulich kriecht die Stadt aus dem Bett. Sie ist ganz still.
Wegbier suchend queren die Beiden die menschenleere Esso-Tanke und poltern zu dem müden Tankwart. Wortlos stellt Joe die zwei Fiege auf die Theke.

Sonst noch watt?
Jo und die 3, bitte.

Der Tankwart blickt langsam aus dem Fenster auf die leere Tankstelle. Joe und Ede drehen Ihre Köpfe mit. Sekunden verstreichen und irgendwo fällt ein Groschen aber da walzen die Beiden schon gröhlend aus der Tanke und lachen sich Tränen in die Augen.
Einmal über die Straße. Vor Joe liegt in Morgentau und kühle Blautöne getaucht das Wiesental. Ede bleibt neben ihm stehen und grinst ihn fordernd an.

Eine Parklänge, mehrere Selbstgedrehte und ein Mageninhalt später kommen die Beiden am Vereinsbad an.

Die ham ja schon auf! wie solln wir denn da jetzt einbrechen?
Da sind schon Rentner drin. Warum is das denn so hell?

Ratlos schlagen sich die Beiden ins Gestrüpp. Sie finden einen Picknicktisch nach Hakenkreuzlayout. Edes Bier zieht sich nach seinem gegenläufigen Trinken ohne Ende. Nach einer halben Stunde ist er endlich fertig und lässt die Flasche subtil durch die Stille klirren. Joe hat zwei Kippen vorgelegt.

Und einen Plan!

Wir gehen da jetzt total cool rein. Wir tuen so als wären wir jeden morgen da.
Und wenn sie nen Vereinsausweis haben will?
Is egal, wir müssen nur totale Selbstsicherheit ausstrahlen.
OK.
Bereit?
Jo!

Ede hält die Luft an und zieht den Bauch ein. Auf den letzten paar Metern vorm Kassenhäuschen kratzt er sich die letzten Krümmel Kotze aus dem Shirt. Joe neben ihm schlendert mit einem verdächtigen Höchstmaß an Gelassenheit und hinter seiner Stirn Ausreden und Rechtfertigungen sotierend. Sie biegen um die Ecke. Vor ihnen das vergitterte Eingangstor. Offen. Neben ihnen, jetzt auf gleicher Höhe. Der Platz der Kassiererin. Leer. Sie gucken sich an, um, und schlendern dann wie in Zeitlupe mit schlacksigem Gang in die Umkleidekabinen.

Er hat die beiden Gestalten, die da vor fünf Minuten durchs Tor getorkelt sind noch nie hier gesehen. Und das soll was heißen. Er ist schließlich seit zehn Jahren jeden Morgen hier. Er kennt sie alle. Und die beiden Hottentotten, die in diesem Moment in Unterhosen aus der Tür der Umkleidekabinen sprengen, kennt er nicht. Misstrauisch blickt er nach jedem Brustzug  zum Beckenrand hoch wo der Eine sich gerade vorm „Nicht vom Beckenrand springen!“-Schild einpendelt

Alter geil!

Ede macht einen Köpper, der das bestehende Verhältnis zwischen ihm und seinen Boxershorts erst einmal trennt.
Fünfzehn Minuten Hochleistungssport und Koordinationsbrevet für angetankte Geister später, schleppen sich Joe und Ede mit tropfenden Shorts kichernd vom Beckenrand in die Umkleidekabinen und kurze Zeit später mit tropfenden Hosen und debil giggelnd an der etwas verblüfften Kassiererin vorbei, um dann immernoch vor sich hin blödelnd und mit neu entfachtem Durst aus dem Park zu straucheln.
Hell knallt die Sommersonne ins Wiesental.
Von Irgendwoher schreit ein Kind, als die beiden abrupt an der Friederikastraße halt machen.
Sie gucken sich müde und versoffen aus zugeknusperten Augen an.
Ein Moment Stille im Morgenbrummen der Stadt.

Ede in „Kippenpause“

T2

Ich bin immer noch mittelmäßig angefressen, dass ich mich heute aus dem Bett quälen musste. Es ist Dienstag und die Kursfahrt steckt mir noch in den Knochen und geistert schwerfällig und unverdrängbar durch meinen Kopf. Geschichten aus Berlin.
Ausschlafen hätte mir gut getan. Im Traum Gedanken ordnen. Klarkommen auf die Geschichte mit ihr. Eigentlich wäre heute frei, weil die halbe Stufe noch in ganz Europa unterwegs ist, aber nee.

Ich bummel langsam den Königswall in Dortmund entlang. Die Sonne scheint hell an diesem Morgen, zu hell für meinen müden Kopf. Wirre Ideen und Pläne streifen frei durch das düstere Unterholz hinter meiner Stirn.
Dann steh ich plötzlich vorm Kreiswehrersatzamt. Kreiswehresatzamt. Kreis – Wehr – Esatz – Amt. Wehrkreis-Ersatzamt. Das Wort macht doch gar keinen Sinn.
Auf dem Schulhof wird sich seit Wochen mit den wildesten Tipps überboten. Vom Drogenmarathon in der Vornacht bis zum Kaffee-Scharmützel am Morgen, da werden schnell noch Pilzinfektionen und Allergien attestiert. Ein Kumpel, Leistungsschwimmer, 4 Mal wöchentlich Training, Kreuz wie ein Vorfahrtachten-Schild lässt sich gekonnt mit Rückenleiden und Gelenkschäden abwracken.
Mein bescheidener Plan ist ein Anderer. Ich möchte möglichst gut gemustert werden um dann zu verweigern. Man soll mir nachtrauern. Da geht er hin, der Supersoldat.
Gemustert wird in der Leuthardstraße um Nullneunhundert. Vielleicht geht ja alles in die Hose, da gewöhne ich mir mal lieber schnell den passenden Jargon an.

Das erste Wort des Pförtners, er sieht zumindest aus wie einer und sitzt unten im Foyer, ist: „Verweigern?“
Also sag ich „Jo!“ und er schickt mich in den Wartesaal in der zweiten Etage.

Der Wartesaal ist das kleine Panoptikum meiner Generation. Alles in allem Menschen, mit denen ich nicht wirklich gerne Zeit verbringen wollen würde.
Ich will mich gerade in der letzten Ecke verstecken, kommt der Antrittsbefehl beim Sachbearbeiter.
Er ist dick und merkwürdig hinter seinem Schreibtisch eingeklemmt. Ich bin müde und hör nicht zu.
Ja, Ja, Nein, Verweigern, Nein, Nein, Nein, Nein, Tschüss.
Der dicke Sachbearbeiter will mir noch schnell die Kampftaucher andrehen, aber ich bin schon durch die Tür.

Zurück im Wartesaal kann ich die Anderen weiter mustern.
Es geht um Berufssoldatenwunsch versus bekifft ins Röhrchen pissen.
Ich werde dem Schauspiel mittels Aufruf entrissen. Bei einer nicht unhübschen Arzthelfer/Sachbeabeiterin werde ich erst gemessen, dann gewogen. Triumphierend grinse ich sie an, während sie mir nur stumm einen Pipibecher in die Hand drückt. „So Herr… Jäger, jetzt brauchen wir noch eine Urinprobe von Ihnen. Bitte nur bis zur Linie voll machen und dann auf den Sockel am Waschbecken stellen.“ Ich blicke mich suchend nach Waschbecken und Sockel um und entgegne schließlich, völlig verunsichert: „Wie jetzt, hier?“ Genervt schiebt sie mich mit einem „Nein, in der Toilette natürlich!“ zur Tür.
Mit knallrotem Gesicht stehe ich also schließlich auf dem Klo, und versuche einen Fingerbreit Pisse in den Becher zu meditieren. Ganz ruhig, du bist ja ganz alleine hier, du hast alle Zeit der Welt. Nur die hübsche Arzthelfer/Sachbeabeiterin vor der Tür die wartet. Und wartet. Darauf, dass du endlich schiffen kannst.
Nach gefühlten 15 Minuten ist der Becher halbvoll und damit zu voll. Also schütte ich wieder ein bisschen was raus. Zu viel. Noch ein bisschen nachlaufen lassen. Bingo.
Ich stell den Becher auf den Sockel überm Waschbecken zu den anderen Bechern, die mit den witzigsten Füllständen aufwarten. Auf einem ist sogar eine Kuppe.
Das wird ein großer Spaß beim Tragen, denk ich und komm breit grinsend aus dem Klo.

Im nächsten Zimmer, bei einer richtigen Ärztin oder so, folgt der Hauptakt, mit den gefürchteten Hafenrundfahrten und Glockenspielen. Zumindest Ersteres bleibt bei mir aus.
Dann wird endlich der Supersoldat in mir gesucht.

Hörtest:
Ich sitz gelangweilt in einer kleinen, schalldichten Kabine, Kopfhörer auf und Knopf in der Hand. Drücken Sie, wenn Sie das Geräusch hören. Ich warte… Langsam wird ein Pfeifen in meinen Ohren laut. Der Blutdruck von den 50 Kniebeugen? Der immer wiederkehrende Pseudo-Tinitus? Ich drücke. Treffer, das kann ich am Gesicht der Assistentin, auf der anderen Seite eines kleinen Bullauges ablesen. Warten. Draußen fährt die Straßenbahn vorbei. Ich drücke. Daneben. Fragend starre ich durchs Fensterchen. Wie jetzt? die Strßenbahn ist vorbei und hinter ihr bemerke ich den Pfeiffton. Drücken. Zu spät. Daneben. Warten. Drücken. Aus Langeweile. Die Assistentin guckt von ihrem Bildschirm hoch. Ich grinse blöd durchs Guckloch und zucke die Achseln. Warten. Die Tür geht auf. Ich drücke. Blitzartig. Dann roll ich mit den Augen. Zwei, drei mal treff ich noch den Ton. 40 Prozent Fehlerquote wird mir gesagt. Nachrichteneinheit kann abtrete. Moving on.

Sehtest:
Es geht weiter. Ich stiere in einen schwarzen Karton der einen kleinen Monitor abdunkelt. „Dort werden gleich zwei farbige Kreise angezeigt, wenn diese farbig übereinstimmen müssen sie drücken.“ „Aha!“ „Verstanden?“ Jawohl.
Es geht los, links gelb, rechts grün. Ich mache nichts. Das ist ja einfach. Nächstes Farbpaar, links rot, rechts helleres rot. Oh Ohh. Ich mache nichts. Links grün, rechts cyan, links blau, rechts cyan, links violet, rechts lila, links hellgelborange, rechts mittelorangerot. Ich mache nichts.
„Haben sie den Test verstanden?“ Ich blicke hoch: „Klar! gleiche Farbe – Drücken.“ Ich guck wieder in die schwarze Dose. links rot, rechts rot. Drücken. Treffer. Versenkt! Knapp 80 Prozent Fehlerquote. Farbenblinder Totalausfall.
Es kommen noch ein paar Fragen auf mich zu. Am Ende bin ich nicht besonders psychotisch, aber Alkoholiker.
Ich verlasse die Arztpraxis im Kreiswehrersatzamt, zurück in den Wartesaal, wo ein Hip Hoper und ein Gabber gerade ihrer Berufsoldatenkarriere drogentestbedingt nachtrauern.
Dann darf ich mir bei dem Dicken vom Anfang mein Musterungswisch abholen.
T2 nur. Ich guck traurig aus der Wäsche. „Und wollen sie immer noch verweigern? Ausmusterung hat ja wohl nicht geklappt, was?“ Ich stöber im Kleingedruckten meiner Testergebnisse. Eine Tabelle hilft beim entschlüßeln. Fernmeldetruppe/Funker: ungeeignet, aber ich kann immernoch Scharfschütze und Kampfpilot werden. Super!

Erinnerungen an die Rakete

Der Typ sieht schon ziemlich nach Hippie aus, wie er mir da gegenübersteht und Energie-Bällchen anzubieten hat.
Auf der Achse, die im Dämerlicht vom Zeltplatz zur Fusion führt steht er barfuß, nur mit Shorts, Hanf-Weste und Bauchladen bekleidet auf dem Rindenmulch des Weges.
Wir sind stehengeblieben und ich greif für zwei Euro zu. Mit Guarana und Kolanuss versichert er mir, dass ich „total belebt“ bin, anschließend.
Währenddessen schleichen hinter Jochen die nächsten beiden an. Der Kerl mit Beutelchen und seine Perle kommen zum Energie-Bällchen-Mann getaumelt. Sie wird wach und sagt: „Jaaa, du musst dir unbedingt diese Bällchen reinhaun, die sind super.“ Dann macht sie eine kurze Pause, holt Luft und sagt: „Jaaa, voll energetisch!“ Dann schlägt sie die Augen für mehrere Sekunden nicht wieder auf und taumelt zurück. Ich kaufe noch ein Bällchen und der Typ mit dem Bauchladen voll Energie wendet sich den nächsten paar Leuten auf der Hauptstraße zu.
Der Kerl und seine Perle bleiben da und lauern uns grinsend an.
„Wir haben aber noch was Besseres, als die Bällchen.“ Der Typ krammt in seiner Umhängetasche und zieht drei kleine Gläschen hervor. Nen Tacken größer als Fingerhüte mit schleimig-zäher, gelber Füllung.
„Wir haben Energie-Honig!“ sagt er und seine Perle fängt an dumpf zu kichern. Jochen und ich blicken sie, dann den Typen mit den drei Gläschen vor unseren Gesichtern und dann uns an.
Jochen scheint gar nicht so skeptisch. Ich rolle mit den Augen, aber der Typ schraubt schon das dritte der Gläschen auf und zaubert den Probierlöffel hervor.

Ich bin total fertig, vollgefressen, breit und halb besoffen. langsam werd ich wach. Die Welt liegt auf der Seite, scheint es ist mittlerweile dunkel geworden.
Ich werd ein bisschen klarer als ich meine Backe aus der Wiese ziehe. Ich muss eingepennt sein. Vorhin, als ich so gegen sieben, …acht den Leuten beim Zur-Party-Gehen zugesehen hab. Ich bin immer noch an der selben Stelle. Mal abgesehen vom zerknautschten Kopf, ist der Rest von mir gemütlich in Zelt und Schlafsack eingepackt. Meine Birne ragt aus dem Zelt und hat im nassen Rasen gelegen.
Wie spät isses?
Ich pule mein Handy aus Hose, Schlafsack und Zelt. Kurz vor Mitternacht. Ich rutsch ins Zelt und such Jochen.

Rauschende Zahlen in meinem Kopf als ich abschätze wie viele Menschen wohl schon diesen kleinen Probierlöffel allein heute im Mund hatten. Als Jochen bereitwillig zuschlingt zieht sich bei mir unwillkürlich die rechte angewiederte Lefze hoch.
„Mhmmm!“
Ich hole tief Luft und schleck die mir dargebotene Portion vom Löffel.
„Mhmm…ohhh“
Der Typ doziert mittlerweile ohne Luft zuholen über seinen Honig, redet von Gelee Royal und preist seine handbemalten Gläschen.
Er will nen Zehner für jedes Glas.
In dem Moment schlagen hinter ihm zwei Mädels auf. Er pausiert unser zähes Verkaufsgespräch und quatscht die beiden an.
Am Ende seines Vortrags nehmen die beiden zwei Gläser, haben aber nur nen Zehner insgesamt. Er verkauft trotzdem zum Freundschaftspreis.
Als er sich wieder zu uns umdreht steh ich breit grinsend vor ihm, halte ihm mit der Linken einen Zehn-Euro-Schein hin und zeig ihm mit der Rechten „2“.

Kippenpause

Roland und Ede latschen durch den Stadtpark. Nacht. Stockfinster alles, die Bäume, Wiesen, Wege, die Ecken an denen sie straucheln, anhalten und sich Kippen in die Fressen fingern.

Sie waren auf Abenteuer aus…
Ede dreht sich im Schoß noch schnell ne Kippe. Roland hält sich den rasierten 3mm-Haar Schädel. Seine Schläfen hämmern immer dann am gemeinsten, wenn er seine Zähne gegeneinander presst.
Und das Taxi trudelt sie durch die Nacht.
Im Krankenhaus ist es kopfschmerzenhell. Rolands Müdigkeit wird im Wartezimmer verstrahlt.
Ede steht im Halbdunkel des Notaufnahmeportals und raucht das Resultat der Taxifahrt. Breites Grinsen im menschenleeren Krankenhaushof.
In der linken Hand hält Roland seine arg mitgenommene Schachtel Luckys. Er will rauchen, muss aber husten. Seine Schläfen drohen zu platzen, also drückt er die Zigaretten müde in Edes Hand. Die Nachtschwester, die beiläufig hinter ihm ins Zimmer kam führt beide aus dem Wartezimmer in einen kleinen, grellen Behandlungsraum und fragt Roland nach Allergien und Krankenversicherungen. Er hört sie nicht. Das Duett aus Dehydrierung und harten Schlägen kumuliert gerade fieses Dröhnen in seinem Hirn.
Ede lässt sich müde auf einen kleinen Hocker fallen und schaut seinen Fingern dabei zu, wie sie die nächste Zigarette drehen. Ohne aufzusehen beantwortet er, die in gebrochenem Deutsch hervorgebrachten Fragen. Dann schwirrt sie ab.
Die Ärztin kommt und spricht dieselbe Sprache. Ostkreuznachtschicht. Das Duo lässt sich über die unfähige Schwester im Elisabeth-Krankenhaus aus.
Es ist fünf. Die Nacht ist Roland schon viel zu lang.

Um drei standen sie am Bahnhof, Roland mit der Hand am Kopf und Ede mit den Händen in den Taschen, fragend, herausfordernd. Abenteuer?
Er sah in Rolands Augen Schmerz, Wut und Ratlosigkeit. An Rolands Schläfe verkrustete sich Blut.
Die Paar hundert Meter zum Elisabeth reißen sie wortlos ab.
Als Roland die Krankenhaustür sieht lässt das Dröhnen nach. Er wird leicht.
Die dicke Schwester ist müde. Rasch klebt sie mit fleischwurst Fingern ein Pflaster auf die Platzwunde. Sie tut das, was sie schläfrig jeden Freitag bei ihrer Schicht tut. Deswegen kennt sie die Nummer des Taxiunternehmens im Schlaf. Als die beiden Gestalten raus sind, vor dem Portal warten, geht sie wieder schlafen.
Auf der Treppe sitzend, wartend, geht Ede das Zigarettenpapier aus.
Dann wohl Gratis-Taxifahrt; will Ede aufmuntern und sich Blättchen schnorren.
Lange Nacht; Roland knirscht mehr als das er spricht.

Lange Nacht, das glaubt Ede mittlerweile auch.
Mittlerweile fünf Uhr, sitzen sie zum zweiten Mal diese Nacht auf einem Krankenhausportaltreppenabsatz. Schwester und Doktorin haben wiederholt klargemacht, dass auch im Elisabeth Klammerpflaster vorrätig wären. Sie sprachen von: Völlig unnötig, faul und dicke Schwester.
Jetzt waren sie überflüssig gestrandet am Kopfende des Stadtparks und hatten sich nüchtern geraucht.
Los jetzt, die Straße runter. Bis zur Unterführung, dann links am Park entlang, oder? Sie haben den Park im Rücken. Das muss die falsche Richtung sein. Zurück und in die Dunkelheit des Parks. Stockfinster alles, die Bäume, Wiesen, Wege, die Ecken an denen sie straucheln, anhalten und sich Kippen in die Fressen fingern.

Si Señora, Si Señora ’06 – Teil 2

Was bisher geschah…

 

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Ich verfolge eine Taktik des Nichteincremens. Schon immer. Ich hasse Creme. Also kühle ich mich etwa alle 20 Minuten im Meer ab.
Michael klatscht sich schnell und unorganisiert ein bisschen Creme auf den Bauch. Am Abend werden seine Finger ein lustiges Muster gezeichnet haben.

Ich sitze am Rand unserer Strand-Enklave im Arschloch-zockenden-Bereich. Ein paar Leute sind im Wasser, andere sind unterwegs zu McDonalds oder einfach noch nicht wach. Guido, Markus und Levent kommen erst gegen halb fünf verballert, aber ausgeschlafen an den Strand.
Die Mädchen versuchen möglichst gleichmäßig braun zu werden, während sie darüber diskutieren, wie es ist schwul zu sein. Der Stufensprecher hatte sich geoutet.
Ich bin damit beschäftigt mein Bier möglichst kältegeschützt im kiesigen Sand zu verbuddeln.
Mindestens einmal in der Stunde ist man unterwegs um Essen oder kaltes Bier zu besorgen.

„Lass diven gehn“ schreit Hußlein herüber.
Trainierte Taucherlunge kämpft gegen trainierte Leber.
Die kalte Wasseroberfläche schließt sich über dem Kopf und die Kopfschmerzen, die sich gefährlich einem Sonnenstich nähern, werden gelindert. Wir hängen im Wasser, lassen uns treiben, oder tauchen bis zum Grund. Das Meer ist vielleicht 6 Meter tief. Nicht genug um zu regenerieren.
Außerdem lassen das Luftanhalten und der wilde Wechsel zwischen kalt und heiß, zwischen spanischer Bierpampe und Mittelmeer mein Hirn wie im Wellenbad hin und her schlagen. Ich machs mir an der Wasseroberfläche gemütlich. Sicherheitshalber. Mageninhaltbehaltenderweise.
Schlicht, der nur so heißt, weil es sein Nachname ist, versucht gerade in seiner Erinnerung verlorengegangene Stücke zu rekonstruieren. Jedem fehlt ein bisschen. Ich höre gespannt zu und beobachte den Ameisenhaufen am Strand. Die gesamte Farbskala an Handdtüchern, Badehosen und Bikinis.
„Watt hab ich…Ach du Scheiße?!“
Franziska zieht als erstes blank. Ich murmel „Oh, hat die erste die Titten aufen Tisch gelegt“ als ich mich wieder beim Karten spielenden Kollektiv niederlasse.

Heute endet der Strandtag früh.
Deutschland spielt gegen Schweden und die ganze Stadt ist auf den Beinen.
Wir verlieren den Anschluß zum Rest der Gruppe, als wir uns schnell noch ein pappiges Käse-Schinken-Baguette mitnehmen. Es ist voll und heiß und wir passieren wiederholt nervöse Mosos-Legionen.
„Irgendwo muss die Scheißkneipe doch sein.“
Michael sieht, dem Sonnenbrand geschuldet, mittlerweile aus wie die östereichische Flagge. Oberkörper und Waden rot, dazwischen weiß.
Auf seiner Backe hat er, ganz Patriot, die polnische Flagge falsch herum gemalt. Es braucht zwei Stunden bis ihn Fabian darauf aufmerksam macht.
Nahezu die gesamte Stufe hat sich zu den gefühlten 1000 Deutschen in der Bar eingefunden. Wir exen schnell unser Wegbiere und schummeln uns durch den gesamten Laden bis zur Leinwand. Mein Platz ist so gut, ich kann dank einer Säule sogar Splitscreen sehen. Aber bei einem verlockenden Angebot von ‚ziemlich viel Sangria‘ für 3€ komme ich mit dem gucken gar nicht so recht nach.
„Laber, da vorne stehn Schwedinen!“
„Wo?“
Ich habe das kleine Grüppchen Blau-gelb bekleideter Blondinen als Erster ausgemacht. Rechts von der Leinwand, an vorderster Front trotzen sie dem deutschen Fangebrüll. Auf dem Bildschirm stehts leider schon 2:0. Das tut mir ein bisschen leid, auch das betrunkene Rumgeschreie. In meinem von süßem Rotwein und Orangenscheiben verklebten Kopf beschließe ich mich für den Sieg und unser Verhalten zu entschuldigen. Ich stiefel los. Immer geradeaus durch die gröhlende Menge. Als ich das WC-Schild sehe, denke ich, wenn du schonmal hier bist, kannste ja auch gleich nochmal pissen gehn. Ich komme vom Klo und hab meinen Plan vergessen. Fällt mir erst wieder ein, nachdem ich mich wieder bis zu meinen Freunden hinter der Säule durchgekämpft habe. Scheiß auf Völkerverständigung.
Spätestens seit der Halbzeit ist klar, dass die Freundenfeier bei Abpfiff leicht ausser Kontrolle geraten könnte, und so ergießen sich aus sämtlichen Kneipen tausende heisere Fans auf die Hauptstraße.
Bei den Mosos steigt der Blutdruck angesichts einer autonomen Übermacht, aber vor lauter Fans sehe ich keinen einzigen Polizisten mehr. Mit einer Humba nach der anderen kommen wir nur schleppend voran und so ist die Hauptstraße etwa eine Stunde unfreiwillig gesperrt, bis der Letzte von der Straße auf den Strand gespült wird.

Ich komme vom Supermarkt mit einem kurzen Umweg übers Baguette-Büdchen und keiner ist da. Ich stehe vor verschloßener Tür.
Zimmernummer… Stimmt, Berg aus leeren Flaschen der sich vor der Tür angehäuft hat… Stimmt auch.
Das Baguette tropft seine Eingeweide auf Hose und Boden, mein Rucksack ist bis zum Zerreißen mit 1-Liter-San Miguel und Sangria Pullen gefüllt und ich klopfe wie ein Bekloppter gegen die Zimmertür und bereue flashbackartig den Schlüßel an einen der beiden versoffenen Vögel abgegeben zu haben. Ich hab vergessen an wen.

Erst versuche ich’s bei den Mädels im fünften Stock.
In einem Dreibettzimmer sind 15 Leute versammelt. Fabian und Jan-Erik sind die einzigen beiden Jungs.
„Hast’n Micha geseh’n?“
„Nö.“
„Schlüßel?“
„Häh…nö.“
Zwei Stockwerke tiefer klopf ich laut an die Tür von Moritz Levent und Schlicht. Ich bin genervt, weil sich die Alkoholvorräte unserer Wohngemeinschaft tief in meinen Sonnenbrand an Rücken und Schultern verbeißen. Eigentlich herrscht Alkoholverbot im Hotel, was den Transport ins Zimmer ohnehin immerwieder zum klimpernden Wagnis werden lässt.
Aus dem Zimmer dröhnt ohne Rücksicht auf Verluste ‚Sureshot‘ von Tomcraft. Irgendwann macht irgendwer die Tür auf. Schlicht liegt leichenstarr im Bett und pennt laut schnarchend. Dabei steht sein Arm periskopartig senkrecht angewinkelt ab.
„Wie kann der denn so schlafen?“
„Keine Ahnung. Der is einfach vor ner Stunde wortlos aufgestanden, ins Bett gegangen und seitdem liegt der da so.“
„Is der Micha hier?“
„Hiiiieer!“
Aus der letzten Ecke des Balkons winkt eine Hand mit Tüte.
Fertig und verschwitzt lasse ich mich auf den Balkonboden fallen und kralle mir gierig Schlüßel und Tüte. Ich höre beiläufig einer Geschichte aus irgendeinem Mädchenzimmer zu.
Demnach durfte der nun unparteiische Stufensprecher soeben fachgerecht beurteilen welches Mädchen unserer Stufe die schönsten Brüste hat.
Einvernehmliches Raunen und „WAS HAT DER?!“
Dazu mussten sich natürlich alle vor dem Juror entblößem und es soll stellenweise auch zu habtischen Prüfungen gekommen sein.
„WAS?!“
Neidvolle Gesichter. Alle ärgern sich, dass sie nicht schwul sind. So als Masche.
„Und wer hat gewonnen?“
„Ich glaub Henrike.“
„WAS?!“ Christopher scheint das nicht sehr zu gefallen.
Von unserer ganzen Gruppe werden nur Dreibettzimmer belegt. Einzige Ausnahme Christopher und Henrike. Die sind zusammen.
Ich schweife ab, bin dabei eine Sangriaflasche zu öffnen, hab kein Glas.
Während ich mir mit einem stumpfen Taschenmesser aus einer Plastikflasche einen Becher herrauspfeile hangelt Guido den direkten Weg zwischen diesem und dem genau über uns liegendem Zimmer hinunter. Unter heftigem Geschrei des Portier, der sich das zusammen mit einer johlende Masse vom Pool aus ansieht. Danach zählt er plakativ die Etagen und Zimmer ab. Drei hoch…vier rechts…
Zuviel Hektik, zuviel Wein, ich brauch Schlaf.

Als der Schaum einsetzt ertrinke ich fast.
Wie ein Irrer hab ich mich darauf gefreut. Um punkt 12 steh ich mitten auf der Tanzfläche, um mich herum alle meine Freunde und dann kommt der Schaum.
Alle jubeln, alle schreien, tanzen…atmen ein…wollen schreien.
Dann sehe ich nichts mehr. Nur noch Schaum, Schaum, Schaum, dunkle Silhouetten und buntes Licht von oben, aber mir wir schlagartig klar wo bei der Schaumparty der Haken liegt. Man kann einfach nicht mehr atmen.
Ich fange an wild rumzuhusten, verschlucke mich, erinnere mich geistesabwesend des halben Bieres, das ich manisch umklammere, trinke ein Schluck und kann dann nur noch würgen. Ich würge mich von der Tanzfläche zur Bar und bestelle gurgelnd ein neues Bier. Mittlerweile kommen noch mehr an die Bar geflüchtet. Mareike wird dramatisch von Levent gestützt, spricht davon, dass er ihr das Leben gerettet hat.
Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt.
Das merke ich auch als ich an der Kasse stehe. Ich wringe mein Portemonaie aus. Mein Rationsschein und ein letzter Fünf-Euro-Schein sind zu einem abartigen grauen Zellstoffklumpen verschmolzen.
Außerstande meine Rechnung zu begleichen sehe ich nur ein Ausweg.
Ich renne den ganzen Weg zum Strand.

Si Señora, Si Señora ’06 – Teil 1

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Im Bus stelle ich in dem Moment fest, dass dies mein erster Urlaub ohne jegliche Autorität ist, als Klose in Berlin das 0:2 gegen Ecuador macht.
Nach 6 Stunden beginnt sich die Fahrt langsam zu ziehen und auch das größte, mit strikter Gier verteidigte Alkoholdepot geht zur Neige. An einer Tanke in der Auvergne lege ich mit einer Flasche Rotwein und einem Schaumwein für insgesamt 2,68 nach. Der Ökonom in mir strahlt.
Als ich nach einem Jägermeister bedingtem Crash langsam wieder hochfahre ist es ungefähr acht Uhr morgens. Die Meisten sind schon, oder immernoch wach. Wir sind kurz vor Lloret de Mar. Die Aussicht bald am Strand zu liegen schiebt Kopfschmerzen und Durst erst einmal auf. Mein Mp3-Player spielt „Der Junge ist verliebt“ und der Bus hält am Hotel.

Michael, Fabian und ich taumeln zum Strand. Es ist einsam. So leer werde ich den Strand die nächsten zehn Tage nicht mehr sehen. Keiner von uns kann irgendetwas sagen. Ein müdes, entkräftetes Grinsen ziert unsere Geischter.
Vorgestern waren wir noch den Hellweg entlanggejoggt, haben uns jeden albernen Scheiß durch den Kopf gehen lassen, sind zu mir und haben Sit-ups und Liegestütze gemacht. Für den Strandkörper. Für den Strand, an dem wir jetzt glücklich unsere Füße ins Wasser halten und uns gleichzeitig an den hastig erstandenen Wasserflaschen festhalten.
Nach und nach trudeln die Anderen ein, die hier und da noch Sonnenbrillen, Schwimmringe, Luftmatratzen, T-Shirts, Trikots, Flaggen, Hüte, Strandlaken, Sonnencreme und ähnlichen Touri-Scheiß ergattert haben.
Die ersten Bierdosen werden geöffnet. Ich werd’s nicht schaffen heute ’nen Ruhigen zu machen, denke ich.
Ich mach mich auf den Weg zum Baguette-Büdchen und besorg beiläufig die ersten zwei Dosen San Miguel.

Wer benennt denn bitte ein Bier nach dem Erzengel Michael, Bezwinger des Teufels und Wächter des Paradieses?
Fragend halte ich die Flasche in der Hand. An der Bar des „Surf“ geht während der Registrierung und Bändchenvergabe schon jede Menge Bier über die Theke. Ich bin nun mit gelb-rotem Bändchen, Flip-Flops, Pornobrille, Rationskarte für Frühstück und Abendessen, Badehose und Bierdose in der Tasche voll ausgestattet.
Eine Stunde später gluckern die Überläufe von Waschbecken und Bidet in unserem Zimmer unter der Last der Bierkühlung. Draußen brennt die Nachmittagssonne.
„Watt is‘ das denn?“ hatte Michael mistrauisch gefragt.
„Ein Bidet.“ konnte ich stolz entgegnen.
„Was macht man damit?“
„Wenn du mal zu faul zum Duschen bist, nimmste nur nen Bidet für deinen Arsch. Meine Omma hat auch son Ding.“
„Also ist deine Omma zu faul zum Duschen?“
„Ach was weiß ich.“ und fummle einen dicken Toilettenpapierstopfen in den Ablauf. Einvernehmliches Grinsen.
Dort lagern jetzt unsere Ein-Liter San Miguel Flaschen. Die sehen aus wie alte Milchflaschen. Gerade im Laden habe ich angewiedert aufgeschrien als ich dieses Format entdeckt habe.
„Bahh, ist das eklig. Wie warme, abgestandene, fastleere…“ Ich wollte noch mehr lustige Adjektive finden. „…Cola-Light.“
Michael begann seinen Korb voll zu laden. „Dann musst du schneller trinken.“
„Wir können doch auch was in Gläser schütten.“
„Tolle Idee Fabian, hast du Gläser dabei?“
„Also wir haben einen Zahnputzbecher“
Ich rolle mit den Augen und packe versuchweise eine Flasche ein.
Unser Plan ist es einen möglichst hohen Grundalkoholpegel noch vor dem Abendessen aufzubauen.
Um halb sechs tingeln wir schwer angetörnt von der Sonne, dem Bier und dem Schlafmangel durch die Lobby.
Wir passieren den Rationskarten-Checkpoint und bringen nur ein verpeiltes „N’abend“ hervor, schnappen uns die größten Teller die wir finden können und schlagen uns den Bauch mit Fritten, fritierten Fleisch- und Fischvariationen und Süßkram voll.
Jan-Erik, Stufensprecher a.D., geht von Tisch zu Tisch und erzählt allen von der Wilkommensparty die der Reiseveranstalter uns zu Ehren gibt: „Von acht bis elf gibts im ‚Tropics‘ Bier und Cocktails für Lau, danach gehts wohl im ‚Surf‘ weiter, also da, wo wir heute Nachmittag die Bändchen bekommen haben.“

Zurück in unserem Zimmer sind wir noch länger damit beschäftigt die Biervorräte zu dezimieren. Vom Balkon sehen wir die Ersten Richtung Disco aufbrechen. Die Gruppe wandert die Hauptstrasse entlang. Gekonnt, meinem Alkoholpegel trotzend weiche ich den Strassenhändlern aus, die aufdringlich leuchtenden Killefit verscherbeln.

Es wird tatsächlich Freibier und irgendetwas süßes, rotes Undefinierbares ausgeschenkt. Ich steh nur in direkter Reichweite zur Theke und bestelle mir immer abwechselnd Bier und diesen süßen Cocktail. Einen nach dem Anderen. Wenn es der Füllstand meines Bechers zulässt, riskiere ich einen Abstecher zur Tanzfläche oder zum Klo.
Die tanzende Menge kotzt mich an, allen voran die oberflächliche Partyfraktion meiner ehemaligen Stufe. Ich stolpere mich zurück zur Theke. „Voll machen!“
Als ich am Urinal stehe, schlägt Fabian hart gegens Waschbecken und beginnt prompt sich mit seinem Becher literweise Kranwasser reinzulöffeln.
„Warste kotzen?“
„Joo!“
Minuten später kommt Fabian zu mir und sucht seinen Becher.
„Ohne Becher bist du jetzt aufgeschmießen.“
Er belabert den Typen an der Theke solange bis er einen neuen Becher rausrückt. Als er sich freudestrahlend zu mir umdreht, kommt Miriam auf ihn zu, winkt mit einem Becher und sagt: „Faaaabian, ich hab‘ deinen Becher auf der Mädchentoilette gefunden.“
Es heißt um elf ist die Party vorbei, es ist halb elf, also steigere ich den Takt und wechsel vollständig auf den mittlerweile abartig süßen Cocktail. Mein Becher ist nie länger als 30 Sekunden trocken. Kurz nach elf, halb zwölf, kurz vor zwölf. Die Party geht länger als ich gedacht habe. Auf eine solche Langzeitbelastung und Übertaktung war ich nicht vorbereitet.
Als sich um zwölf die Party in die nächste Disko verlagert, falle ich filigran die Treppe herunter, grüß den Türsteher mit einem breiten „Schööönen Abnnd noch!“ und reihe mich in den „ABI, ABI, ABI, ABITUUUUUUUR“ und „LU, LU, LU, LUKAS PODOLSKI!“ grölenden Zug ein.

Als die Putzfrau die Tür aufhaut schlage ich die Augen auf.
Ich stelle mir ihre subjektive Sicht auf den Raum vor, da stößt sie auch schon ein entkräftetes „Dios Mio“ aus. Schnell kneife ich die Augen zu und stelle mich tot.
Es folgen etwa zehn Minuten in denen ich nur das gleichmäßige Klimpern der Kronkorken, die sie zusammenkehrt ausmache. Ab und an durchsetzt mit einer klirrenden oder kullernden Bierflasche.
Dann eine Türklinke und noch ein ausgedehnter Seufzer. Ahh, sie ist im Bad.
Dann höre ich ihre Schritte auf die Balkontür zugehen. Laut klappert diese auf und ein Schwall frischer, aber heißer Luft strömt mir ins Gesicht.
Mit ihr kommt auch der Lärm. Es gibt Irre, die sind jetzt schon am Pool, denke ich.
Und dann ruckelt es an meinem Bett und die Putzfrau spricht mich an.
„Towels?“
Verdammt, warum mich?
„Hola, Towels?
Langsam drehe ich mich um und öffne die Augen. Als Erstes seh ich sie. Näher als erwartet über mein Bett gebeugt.
„Ehhm…Bonjorno, Senorita.“
Ich sehe an ihr vorbei. Sie hat akurat an unseren Klamotten vorbeigeputzt. Die an der Balkontür fest mit Spucke angebrachten Weingummis und die dekorativ an der Wand verteilten Bieretiketten sind auch noch an ihrem Platz.
Ich sage „No Towels!“ und drücke meinen Kopf wieder ins Kissen.
Gerade als sie aus dem Zimmer raus ist, dreht sich Michael zu mir um.
„Ey Alter. Bonjorno ist italienisch, du Pflaume.“
„Jaja, moin moin. Wie spät ist es überhaupt, watt machen die hier so früh sauber?“
Michael schaut auf die Uhr. „Halb zwölf.“
Ich stöhne und kneife die Augen zu. Schwer zu verkraften, zusammen mit dem ganzen Lärm und den Kopfschmerzen.
Mit den Worten: „Bis zwölf gibbet noch Frühstück. Komm lass Kaffee trinken gehn oder ich dreh‘ am Rad.“ reiß ich mich hoch.
Wir lassen den friedlich schnarchenden Fabian zurück und wanken zum einzigen Frühstücksbuffet an dem wir teilnehmen werden. Keine Putzfrau oder Frühstück vermag uns die restliche Woche so früh zu wecken.

…Fortsatz

Der letzte heiße Tag

letzterheissertag

Früher, muss wohl im Kindergarten gewesen sein, oder etwas später, am Anfang der Grundschule, also früher hat man, in diesem Fall die Erzieherinnen, oder etwas später die Lehrerinnen, uns immer aufgetragen zu Hause „Als die Tiere den Wald verließen“ anzuschauen, um uns für einen ökologisch korrekten, denn mittlerweile wird diese Begrifflichkeit modischer als ihr politisches Pendant, und nachhaltigen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren.
Wie ich auf so etwas komme?
Ich sitze im Wald an diesem letzten warmen Tag des Jahres, Ende September.

Ich konnte den Tag nicht einfach so zu hause verplempern, also hab’ ich mein Fahrrad umständlich aus dem Hausflur manövriert und bin die 400 Meter in den kleinen Laubwald um die Ecke gerollt.
Der Wald, die paar Hektar die es sind, beherbergen einen Steilen Hang an der Südseite, der ihn von der Straße dort nach Norden hin aufsteigen lässt und der zusammen mit einer alten, halbverfallenen Ziegelei die südliche Grenze bildet, die Hypotenuse. Von seinem nördlichen Endpunkt teilt eine schmale, aber tiefe Schlucht an dessen Grund ein Rinnsal und an dessen Schultern rechts und links Wege verlaufen den Busch. Die Schlucht beginnt steil und läuft, je weiter sie nach Süden vordringt flach aus. Ihre beiden Seiten bilden An- und Gegenkathete und so, zusammen mit der Südgrenze und stark vereinfacht ein gleichschenkliges Dreieck.
Nach regnerischen Tagen im Herbst und Winter vermag es das Rinnsal an seinem Ende eine kleine Senke mit brackigem Wasser zu einem feuchten Biotop zu füllen.

Ich lasse mein Fahrrad los und es gleitet langsam durch das braun-gelbe Laub in einen Haselnussstrauch.
Zum letzten Mal dieses Jahr hab’ ich meine Shorts angezogen und trotte die letzten paar Schritte zu dem Baumstamm, der auf einer kleinen Kuppe im Wald liegt, von mir so ausgerichtet, dass ich der untergehenden Sonne beim erröten zusehen kann.
Weit ab von den paar Wegen, die von den paar Hundehaltern hier genutzt werden lasse ich mich, mit Fusion-Jacke und Kapuze sinken.
Früher war das hier mein großer Abenteuerspielplatz jetzt ist es mein Refugium, mein Paradies der Ruhe, meine Raucherlounge deluxe.
Ich kram’ meinen Joint aus der Tasche und das Benzinfeuerzeug, das ich so lange verloren glaubte bis ich es beim Aufräumen zusammen mit Filtern und Zigarettenpapier wiedergefunden habe.
Im Wald ist es nicht totenstill, aber ruhig. Leises rauschartiges Dröhnen von der Straße und dem Eisenbahnmuseum unterhalb des Waldes. Obligatorisches Vogelgezwitscher, ab und zu durchbrochen von Kinderlachen oder Schreien aus der ruhrnahen Siedlung. Ich höre sich aneinander reibende Bäume während mir vom trockenen Rauch ein Schauer über den Rücken läuft. Ich muss husten.
Die Sonne stößt auf wenig Widerstand, als sie durch das herbstverfärbte Laub blendet. Ich kneife mir mein linkes Auge zu und schlinze mit dem Rechten in das hohe Geäst der Bäume über mir. Spinnenfäden flirren in der Wärme und kleine Gewittertierchen surren auf meinen Kopf zu, bis sie kurz vorher den aufsteigenden Rauch sehen und panisch abdrehen.
Rauchfahnen steigen verschlungen um Sonnenstrahlen durch die Luft an langsam zu Boden gleitendem Blattwerk vorbei.

Es kostet mich einiges an Kraft diesen Ort hinter mich zu bringen. Ich muss den kleinen Pfad bergauf trampeln und mein Fahrrad widerwillig vor mir hertreiben, bis ich auf den Hauptweg treffe und dort auf das erste Rentnerpärchen, dass den Typen mit kurzer farngemusterter Hose und Kapuze misstrauisch mustert. Beide bleiben sogar so lange stehen, bis ich ein „N’abend“ in ihre grobe Richtung gemurmelt habe. Ich steig aufs Fahrrad und hau ab.