Weg gewesen

Dieser Beitrag ist das, was mir in den letzten 6 Wochen so durch den Kopf schoß. Relativ ungefiltert.
Für die, die es noch nicht wissen, ich war WWOOFen in Frankreich. Vorher sind mehr als verrückte Sachen passiert. Dort auch, aber anders.

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Ich bin gestern neun Stunden am Stück mit dem Auto gefahren. Alleine. Das hab ich noch nicht so ganz verarbeitet.
Jetzt sitze ich in Flaceleyre, einem Ort, den es je nach Karte mal gibt, oder auch nicht. Und der weder Straßennamen, noch Straßen, geschweige denn Hausnummern hat. Das hab ich auch noch nicht ganz verarbeitet. Der riesige Stein der sich auf den letzten Kilometern gebildet hat, weil ich absolut keine Ahnung hatte, wie ich den Hof mitten in der Nacht ohne eben Straße oder Hausnummer finden sollte, zerbröselt.
Heute von Hand eine handvoll Quadratmeter Kartoffeln von Kartoffelkäfer, seinen Larven und seinen Eiern zu befreien. Hab ich noch nicht verarbeitet. Annähernd den Lifestyle der Leute hier. Noch nicht verabeitet. Plumsklo, Essen und Gastfreundschaft. Nicht verarbeitet. Willis Tod. Nicht verarbeitet.

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Zu Hause
Zimmer
Wecker
Handarbeit
Handarbeit

Ich denke an zu Hause. Bin gerade eins, zwei Tage hier und denke an zu Hause und vermiss mal wieder alle. Es ist wieder die Phase, aber anders als beim letzten Mal. Besser! Ich freu mich, wenn Sie in gut zwei Wochen genau hier auf der Matte steht.
Life’s getting good again!

Ich glaub, ich geh mal duschen.

~

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Andererseits ist jeden Tag duschen mindestens überbewertet. Allgemein schwanke ich zwischen Dreck und Freiheit. Langeweile & Entspannung. Kein Bock & Ist das Geil!
Eins steht fest. Man braucht kein Hightech Rucksack oder Esbit-Kocher der nächsten Generation. Kein Multifunktionsshirt aus dem Gewebe der Zukunft um sich selbst da draußen zu finden.
Man muss einfach nur loslassen können.

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Dann fing ich an mit den Tieren zu sprechen
Dann fing ich an mit den Tieren zu sprechen

Vor etwa zwei Stunden war ich also heute mal duschen, danach bin ich so halb in der Loire gewesen, danach hab ich die Kühe barfuß über einen schlammigen Acker geführt -und der Schlamm wurde nicht auf Wasserbasis angerührt- danach, immer noch barfuß, im Stall gehockt und beim melken zugeschaut.
Und irgendwo an der Decke des Stallgewölbes, an dieser alten Decke in dem Bauernhaus, mit den dicken Holzbalken, vom Holzwurm durchlöchert und den hunderten trichterförmigen Spinnennetzen, fiel es mir auf, dass es wirklich genauso ist, wie ich es mir vorgestellt habe, wie ich es mir erträumt habe.
Irre. Nach den paar Tagen ist mir alles scheißegal. Scheiße, Mücken, Hitze, Dreck…
Wir leben doch sonst in einer klinisch reinen Welt. In einem OP. Verrückt…

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Flaceleyre, darüber Garten, rechts im Bild
Flaceleyre, darüber Garten, rechts im Bild.

Und ich denk noch so und wunder mich: War hier auf der dunklen Wiese vor mir nicht überall Mist?

Jedes Mal, wenn ich denke… „Das ist jetzt aber komisch. –  Wer sind all die Leute? – Wie läuft das mit dem Essen? – Was machen die Anderen den lieben langen Tag? – Was soll ich tun? – Soll ich helfen?“ schwappt mir wieder unerwartete Freundlichkeit entgegen. Während ich still in der Gegend herumkauere, ohne Blickkontakt und nicht auffallen möchte, weil ich ja nicht sprechen kann und sich mein Französisch anhören muss wie Grunzlaute wird mir ein Glas Wein eingeschenkt und Crêpe für mich gewendet. Das will irgendwie nur schwer in meine deutsche Spießerbirne rein.
Überhaupt ist das Essen in seiner Einfachheit, Leichtheit, und Gesundheit der Knaller. Und ich dachte schon fast, heute gibt’s nichts mehr. Ich hab mich doch schon so an diese drei, zwei davon warme, Mahlzeiten gewöhnt. Die sind ja auch so wunderbar platziert, mit dem üppigen Mittagessen von 12 bis ca 15 Uhr mit Wein und Käse und Allem.

Heute: Steinofenpizza

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Ich kann diese ganzen Menschen nicht zuordnen. Andauernd tauchen Neue auf. Kennen die sich überhaupt oder auch nicht? Scheißegal, darfst bei mir wohnen und mit in meinen Eimer kacken.

Ich weiß jetzt schon, dass ich alle hier schrecklich vermissen werde, inklusive Kühe.

Ich muss mehr hiervon mitnehmen!
Seit ich hier bin, versuche ich tief in meinem Hinterkopf mir vielleicht etwas schlecht zu reden. Einen Grund zu finden aufzuhören, abzubrechen, wie bei dem Rothaarsteig-Dilemma. Das ist mir klar geworden, als ich gestern ins Hühnergehege gestarrt habe. Minutenlang. Es regnete.
Außerdem leb‘ ich in der Vergangenheit wie ein Bekloppter. Ich dachte erst, dass muss aufhören. Basta!
Aber ich glaub man kann sich da ganz heimisch fühlen, darf nur keinen Schiss bekommen wenn es ums hier und jetzt geht, weil Früher alles so schön war.
Wars ja nicht mal!

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Jeder Tag hier – heute war, glaub ich, der vierte – hatte mehr als ganze Wochen. Selbst die Langeweile ist schön!
Entspannend!
Man muss sich mehr und entspannter langweilen können. Entschleunigung heißt das Zauberwort.
Oh man, das hier ist alles, was ich mir erhofft habe. Wenn ich nur besser französisch könnte, dann würd ich auch etwas hinter die Fassade schauen können. Und so stauen sich die Gedanken hinter meiner Stirn und der Gedankensalat muss irgendwo hin und wetzt diese Notizbuch ab.
Und als ich denke, heute wäre schon viel los gewesen, finde ich den Ort, der in meiner Vorstellung, ziemlich genau dem entspricht, wie ich mir das perfekte Haus vorstelle. Diese Komune hier macht mich fertig.
In der ferne röhrt glaube ich ein Hirsch… Echt jetzt! Ohne Scheiß!

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German Bratkartoffels + Currywurst
German Bratkartoffels + Currywurst

Wenn ich in diesem Moment sterben würde, ich hätte gelebt!
Ich hätte genug gelebt!…?
Das ist ne große Frage, die ich mir in den letzten Tagen klarer stelle. Die sich quasi herauskristallisiert. Die mich nicht plagt, aber sticht und juckt.
Aber, Ja!
Die tausend Stunden selbstgefälligen Grinsens.
Ich habe Musik heiß und innig geliebt.
Ich habe alles aus Bochum herausgeholt, was ich wollte.
Ich habe Hektoliter Bier getrunken, weit über die meisten Essen genoßen und so hedonistisch, wie möglich an jeder Tüte gezogen.
Ich habe immer ein guter Freund sein wollen.
Habe so gut wie jeden Augenblick mit Ihr geliebt, fünf Jahre lang, wie ich noch nie etwas zuvor geliebt habe.
Es wäre OK!
Ich hatte meinen Spaß!

Aber es würde mich doch auch hart abfucken!
Natürlich dann auch irgendwie nicht mehr.
Aber ich lerne doch noch so viel. Ganz besonders jetzt und letzte Woche und letzten Monat und dieses Jahr.
Ich liebe den Scheiß!

Oh man, wie oft ich mir meine eigene Beerdigung vorstelle. Hat man ja eh nichts mehr von.
Und erst jetzt weiß ich wie es dem Publikum vorm Sarg geht.
Schluß damit!

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Ich war einen Moment tief eingenickt und hatte mich dann heftig erschreckt. Dann lag ich da und hatte plötzlich Angst. „German Angst“. Angst, das es mir hier nicht mehr gefällt. Angst vor der Zukunft. Davor im Winter ohne irgendetwas darzustehen.
Nichtstun will auch gelernt sein.
Heute vermiss ich sie. Vielleicht das erste Mal.
Ich war heute alleine auf der Burgruine. Alleine in dem kleinen Dorf, alleine in der Crêperie. Ich war alleine in der Loire und habe alleine in der Sonne gelegen.
Siesta machen will auch gelernt sein.
Ich hatte kurz Angst davor, dass wenn sie endlich da ist, ich keine Lust mehr habe zu reisen und wieder auf die Couch will. Aber zu Hause ist es im Großen und Ganzen doch auch langweilig. Größtenteils langweilig. Fast ausschließlich, vergleichsweise.

Loslassen will auch gelernt sein.

~

Ich denke an die ganzen schönen Momente. Was weiß ich. Kroatien, Spanien, Norwegen. Radtouren, Kiosktouren, Kneipentouren. Und auf eine unerklärliche Weise will ich da so schnell wie möglich wieder hin. Dabei bin ich doch gerade da. Warum kapier ich das nicht? Ich sollte ewig hierbleiben. Ewig mit Ihr durch Frankreich ziehen. Ewig den Sommer genießen, für die Erinnerung. Erinnerungen für die regnerischen Tage. Die wirklich regnerischen Tage. Nicht so wie heute. 34°C, brennende Sonne und kein Lüftchen. Es könnte durchaus schlimmer sein.

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Ich bin jetzt knapp zwei Wochen hier. Ich sprech immernoch wie der letzte Oger. Im Kopf klingen die Sätze fast lehrbuchhaft, aber wenn sie dann über die Zunge klumpen und an den Zähnen zerhackt werden, kommt etwas raus wie: „Ich… gehen… Garten…… Schmetterling!“ Oder: „Ich können helfen? LASTKRAFTWAGEN??“ Ach, Deutsch, du bist eine bizarre Sprache. Es ist ruhig, es ist heiß, es ist anstrengend.

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Es ist Sonntag, es regnet und gewittert. Es ist ganz ruhig. Ich bin ganz ruhig. Die Zeit vergeht nicht. Das ist gut so. Sonntags, zu Hause, läuft sie mir weg, die Zeit. Hier habe ich heute gerade genug davon. Und ich geh auf Gedankenreise, in dem gigantischen Archiv, das mein Kopf ist.

Es ist heiß und ich sitze in Badehose auf dem Balkon in L’Estartit, Spanien. Ich steck mir eine Luckys nach der Anderen an und stiere aufs Meer. Dann regnets. Wasser stürzt sich durch die Gassen des Dorfes und spült cappuccinofarben den Dreck mit. Oli, Ricarda und ich überqueren den Fluß, der jetzt vorm SPAR fließt und kaufen Bier.
Meine Jeans ist kletschnaß, ebenso Schuhe und Socken. Es ist jetzt ein Kunststück, sie so auszuziehen, dass sie nicht das ganze Zelt zusauen. Es ist die dritte, oder vierte Nacht auf Træna, Norwegen und es gießt aus Strömen. Jochen ist noch nicht da und ich finger meine Docs ins Vorzelt. Es ist hell, aber besoffen penn ich direkt ein.
Ich kann ewig so weiterreisen. Ich seh die Loire, dreckig im Sonnenlicht des Nachmittags. Ihre Auen. Ich sitz am Neckar, einen schönen Sommertags. Ich schnorchel mit Willi durch die Bucht in Kroatien. Ich schmeiß Fastfood in den Einkaufswagen im Walmart. Ich bin wieder zehn und versteck mich alleine, vor mir selbst, in den Neubaubaustellen in Ste. Marine. Ich bin in Alaska, Kanada, Schweden. Warte am Flughafen von Chicago, Kopenhagen und Trondheim. Ich flieg in Weeze los und lande gleichzeitig in Denver, Whitehorse und Las Vegas. Das ist toll. Oder ich fahre Fahrrad durch Essen, Dortmund oder Düsseldorf. Klingel an Anastasia & Jochens Tür, laufe mein altes WG-Treppenhaus hoch und falle auf Fabians olle Couch. Ich bin überall, weil ich überall gewesen bin.

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… es fliegen noch ein paar Gedanken übers Papier…

~ Ein Tag um die ganze Zeit Moddi zu hören.

~ Alles ist aus Kabelbinder gemacht.

… und dann schweigt das Notizbuch.

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