Der letzte heiße Tag

letzterheissertag

Früher, muss wohl im Kindergarten gewesen sein, oder etwas später, am Anfang der Grundschule, also früher hat man, in diesem Fall die Erzieherinnen, oder etwas später die Lehrerinnen, uns immer aufgetragen zu Hause „Als die Tiere den Wald verließen“ anzuschauen, um uns für einen ökologisch korrekten, denn mittlerweile wird diese Begrifflichkeit modischer als ihr politisches Pendant, und nachhaltigen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren.
Wie ich auf so etwas komme?
Ich sitze im Wald an diesem letzten warmen Tag des Jahres, Ende September.

Ich konnte den Tag nicht einfach so zu hause verplempern, also hab’ ich mein Fahrrad umständlich aus dem Hausflur manövriert und bin die 400 Meter in den kleinen Laubwald um die Ecke gerollt.
Der Wald, die paar Hektar die es sind, beherbergen einen Steilen Hang an der Südseite, der ihn von der Straße dort nach Norden hin aufsteigen lässt und der zusammen mit einer alten, halbverfallenen Ziegelei die südliche Grenze bildet, die Hypotenuse. Von seinem nördlichen Endpunkt teilt eine schmale, aber tiefe Schlucht an dessen Grund ein Rinnsal und an dessen Schultern rechts und links Wege verlaufen den Busch. Die Schlucht beginnt steil und läuft, je weiter sie nach Süden vordringt flach aus. Ihre beiden Seiten bilden An- und Gegenkathete und so, zusammen mit der Südgrenze und stark vereinfacht ein gleichschenkliges Dreieck.
Nach regnerischen Tagen im Herbst und Winter vermag es das Rinnsal an seinem Ende eine kleine Senke mit brackigem Wasser zu einem feuchten Biotop zu füllen.

Ich lasse mein Fahrrad los und es gleitet langsam durch das braun-gelbe Laub in einen Haselnussstrauch.
Zum letzten Mal dieses Jahr hab’ ich meine Shorts angezogen und trotte die letzten paar Schritte zu dem Baumstamm, der auf einer kleinen Kuppe im Wald liegt, von mir so ausgerichtet, dass ich der untergehenden Sonne beim erröten zusehen kann.
Weit ab von den paar Wegen, die von den paar Hundehaltern hier genutzt werden lasse ich mich, mit Fusion-Jacke und Kapuze sinken.
Früher war das hier mein großer Abenteuerspielplatz jetzt ist es mein Refugium, mein Paradies der Ruhe, meine Raucherlounge deluxe.
Ich kram’ meinen Joint aus der Tasche und das Benzinfeuerzeug, das ich so lange verloren glaubte bis ich es beim Aufräumen zusammen mit Filtern und Zigarettenpapier wiedergefunden habe.
Im Wald ist es nicht totenstill, aber ruhig. Leises rauschartiges Dröhnen von der Straße und dem Eisenbahnmuseum unterhalb des Waldes. Obligatorisches Vogelgezwitscher, ab und zu durchbrochen von Kinderlachen oder Schreien aus der ruhrnahen Siedlung. Ich höre sich aneinander reibende Bäume während mir vom trockenen Rauch ein Schauer über den Rücken läuft. Ich muss husten.
Die Sonne stößt auf wenig Widerstand, als sie durch das herbstverfärbte Laub blendet. Ich kneife mir mein linkes Auge zu und schlinze mit dem Rechten in das hohe Geäst der Bäume über mir. Spinnenfäden flirren in der Wärme und kleine Gewittertierchen surren auf meinen Kopf zu, bis sie kurz vorher den aufsteigenden Rauch sehen und panisch abdrehen.
Rauchfahnen steigen verschlungen um Sonnenstrahlen durch die Luft an langsam zu Boden gleitendem Blattwerk vorbei.

Es kostet mich einiges an Kraft diesen Ort hinter mich zu bringen. Ich muss den kleinen Pfad bergauf trampeln und mein Fahrrad widerwillig vor mir hertreiben, bis ich auf den Hauptweg treffe und dort auf das erste Rentnerpärchen, dass den Typen mit kurzer farngemusterter Hose und Kapuze misstrauisch mustert. Beide bleiben sogar so lange stehen, bis ich ein „N’abend“ in ihre grobe Richtung gemurmelt habe. Ich steig aufs Fahrrad und hau ab.