T2

Ich bin immer noch mittelmäßig angefressen, dass ich mich heute aus dem Bett quälen musste. Es ist Dienstag und die Kursfahrt steckt mir noch in den Knochen und geistert schwerfällig und unverdrängbar durch meinen Kopf. Geschichten aus Berlin.
Ausschlafen hätte mir gut getan. Im Traum Gedanken ordnen. Klarkommen auf die Geschichte mit ihr. Eigentlich wäre heute frei, weil die halbe Stufe noch in ganz Europa unterwegs ist, aber nee.

Ich bummel langsam den Königswall in Dortmund entlang. Die Sonne scheint hell an diesem Morgen, zu hell für meinen müden Kopf. Wirre Ideen und Pläne streifen frei durch das düstere Unterholz hinter meiner Stirn.
Dann steh ich plötzlich vorm Kreiswehrersatzamt. Kreiswehresatzamt. Kreis – Wehr – Esatz – Amt. Wehrkreis-Ersatzamt. Das Wort macht doch gar keinen Sinn.
Auf dem Schulhof wird sich seit Wochen mit den wildesten Tipps überboten. Vom Drogenmarathon in der Vornacht bis zum Kaffee-Scharmützel am Morgen, da werden schnell noch Pilzinfektionen und Allergien attestiert. Ein Kumpel, Leistungsschwimmer, 4 Mal wöchentlich Training, Kreuz wie ein Vorfahrtachten-Schild lässt sich gekonnt mit Rückenleiden und Gelenkschäden abwracken.
Mein bescheidener Plan ist ein Anderer. Ich möchte möglichst gut gemustert werden um dann zu verweigern. Man soll mir nachtrauern. Da geht er hin, der Supersoldat.
Gemustert wird in der Leuthardstraße um Nullneunhundert. Vielleicht geht ja alles in die Hose, da gewöhne ich mir mal lieber schnell den passenden Jargon an.

Das erste Wort des Pförtners, er sieht zumindest aus wie einer und sitzt unten im Foyer, ist: „Verweigern?“
Also sag ich „Jo!“ und er schickt mich in den Wartesaal in der zweiten Etage.

Der Wartesaal ist das kleine Panoptikum meiner Generation. Alles in allem Menschen, mit denen ich nicht wirklich gerne Zeit verbringen wollen würde.
Ich will mich gerade in der letzten Ecke verstecken, kommt der Antrittsbefehl beim Sachbearbeiter.
Er ist dick und merkwürdig hinter seinem Schreibtisch eingeklemmt. Ich bin müde und hör nicht zu.
Ja, Ja, Nein, Verweigern, Nein, Nein, Nein, Nein, Tschüss.
Der dicke Sachbearbeiter will mir noch schnell die Kampftaucher andrehen, aber ich bin schon durch die Tür.

Zurück im Wartesaal kann ich die Anderen weiter mustern.
Es geht um Berufssoldatenwunsch versus bekifft ins Röhrchen pissen.
Ich werde dem Schauspiel mittels Aufruf entrissen. Bei einer nicht unhübschen Arzthelfer/Sachbeabeiterin werde ich erst gemessen, dann gewogen. Triumphierend grinse ich sie an, während sie mir nur stumm einen Pipibecher in die Hand drückt. „So Herr… Jäger, jetzt brauchen wir noch eine Urinprobe von Ihnen. Bitte nur bis zur Linie voll machen und dann auf den Sockel am Waschbecken stellen.“ Ich blicke mich suchend nach Waschbecken und Sockel um und entgegne schließlich, völlig verunsichert: „Wie jetzt, hier?“ Genervt schiebt sie mich mit einem „Nein, in der Toilette natürlich!“ zur Tür.
Mit knallrotem Gesicht stehe ich also schließlich auf dem Klo, und versuche einen Fingerbreit Pisse in den Becher zu meditieren. Ganz ruhig, du bist ja ganz alleine hier, du hast alle Zeit der Welt. Nur die hübsche Arzthelfer/Sachbeabeiterin vor der Tür die wartet. Und wartet. Darauf, dass du endlich schiffen kannst.
Nach gefühlten 15 Minuten ist der Becher halbvoll und damit zu voll. Also schütte ich wieder ein bisschen was raus. Zu viel. Noch ein bisschen nachlaufen lassen. Bingo.
Ich stell den Becher auf den Sockel überm Waschbecken zu den anderen Bechern, die mit den witzigsten Füllständen aufwarten. Auf einem ist sogar eine Kuppe.
Das wird ein großer Spaß beim Tragen, denk ich und komm breit grinsend aus dem Klo.

Im nächsten Zimmer, bei einer richtigen Ärztin oder so, folgt der Hauptakt, mit den gefürchteten Hafenrundfahrten und Glockenspielen. Zumindest Ersteres bleibt bei mir aus.
Dann wird endlich der Supersoldat in mir gesucht.

Hörtest:
Ich sitz gelangweilt in einer kleinen, schalldichten Kabine, Kopfhörer auf und Knopf in der Hand. Drücken Sie, wenn Sie das Geräusch hören. Ich warte… Langsam wird ein Pfeifen in meinen Ohren laut. Der Blutdruck von den 50 Kniebeugen? Der immer wiederkehrende Pseudo-Tinitus? Ich drücke. Treffer, das kann ich am Gesicht der Assistentin, auf der anderen Seite eines kleinen Bullauges ablesen. Warten. Draußen fährt die Straßenbahn vorbei. Ich drücke. Daneben. Fragend starre ich durchs Fensterchen. Wie jetzt? die Strßenbahn ist vorbei und hinter ihr bemerke ich den Pfeiffton. Drücken. Zu spät. Daneben. Warten. Drücken. Aus Langeweile. Die Assistentin guckt von ihrem Bildschirm hoch. Ich grinse blöd durchs Guckloch und zucke die Achseln. Warten. Die Tür geht auf. Ich drücke. Blitzartig. Dann roll ich mit den Augen. Zwei, drei mal treff ich noch den Ton. 40 Prozent Fehlerquote wird mir gesagt. Nachrichteneinheit kann abtrete. Moving on.

Sehtest:
Es geht weiter. Ich stiere in einen schwarzen Karton der einen kleinen Monitor abdunkelt. „Dort werden gleich zwei farbige Kreise angezeigt, wenn diese farbig übereinstimmen müssen sie drücken.“ „Aha!“ „Verstanden?“ Jawohl.
Es geht los, links gelb, rechts grün. Ich mache nichts. Das ist ja einfach. Nächstes Farbpaar, links rot, rechts helleres rot. Oh Ohh. Ich mache nichts. Links grün, rechts cyan, links blau, rechts cyan, links violet, rechts lila, links hellgelborange, rechts mittelorangerot. Ich mache nichts.
„Haben sie den Test verstanden?“ Ich blicke hoch: „Klar! gleiche Farbe – Drücken.“ Ich guck wieder in die schwarze Dose. links rot, rechts rot. Drücken. Treffer. Versenkt! Knapp 80 Prozent Fehlerquote. Farbenblinder Totalausfall.
Es kommen noch ein paar Fragen auf mich zu. Am Ende bin ich nicht besonders psychotisch, aber Alkoholiker.
Ich verlasse die Arztpraxis im Kreiswehrersatzamt, zurück in den Wartesaal, wo ein Hip Hoper und ein Gabber gerade ihrer Berufsoldatenkarriere drogentestbedingt nachtrauern.
Dann darf ich mir bei dem Dicken vom Anfang mein Musterungswisch abholen.
T2 nur. Ich guck traurig aus der Wäsche. „Und wollen sie immer noch verweigern? Ausmusterung hat ja wohl nicht geklappt, was?“ Ich stöber im Kleingedruckten meiner Testergebnisse. Eine Tabelle hilft beim entschlüßeln. Fernmeldetruppe/Funker: ungeeignet, aber ich kann immernoch Scharfschütze und Kampfpilot werden. Super!

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