Erinnerungen an die Rakete

Der Typ sieht schon ziemlich nach Hippie aus, wie er mir da gegenübersteht und Energie-Bällchen anzubieten hat.
Auf der Achse, die im Dämerlicht vom Zeltplatz zur Fusion führt steht er barfuß, nur mit Shorts, Hanf-Weste und Bauchladen bekleidet auf dem Rindenmulch des Weges.
Wir sind stehengeblieben und ich greif für zwei Euro zu. Mit Guarana und Kolanuss versichert er mir, dass ich „total belebt“ bin, anschließend.
Währenddessen schleichen hinter Jochen die nächsten beiden an. Der Kerl mit Beutelchen und seine Perle kommen zum Energie-Bällchen-Mann getaumelt. Sie wird wach und sagt: „Jaaa, du musst dir unbedingt diese Bällchen reinhaun, die sind super.“ Dann macht sie eine kurze Pause, holt Luft und sagt: „Jaaa, voll energetisch!“ Dann schlägt sie die Augen für mehrere Sekunden nicht wieder auf und taumelt zurück. Ich kaufe noch ein Bällchen und der Typ mit dem Bauchladen voll Energie wendet sich den nächsten paar Leuten auf der Hauptstraße zu.
Der Kerl und seine Perle bleiben da und lauern uns grinsend an.
„Wir haben aber noch was Besseres, als die Bällchen.“ Der Typ krammt in seiner Umhängetasche und zieht drei kleine Gläschen hervor. Nen Tacken größer als Fingerhüte mit schleimig-zäher, gelber Füllung.
„Wir haben Energie-Honig!“ sagt er und seine Perle fängt an dumpf zu kichern. Jochen und ich blicken sie, dann den Typen mit den drei Gläschen vor unseren Gesichtern und dann uns an.
Jochen scheint gar nicht so skeptisch. Ich rolle mit den Augen, aber der Typ schraubt schon das dritte der Gläschen auf und zaubert den Probierlöffel hervor.

Ich bin total fertig, vollgefressen, breit und halb besoffen. langsam werd ich wach. Die Welt liegt auf der Seite, scheint es ist mittlerweile dunkel geworden.
Ich werd ein bisschen klarer als ich meine Backe aus der Wiese ziehe. Ich muss eingepennt sein. Vorhin, als ich so gegen sieben, …acht den Leuten beim Zur-Party-Gehen zugesehen hab. Ich bin immer noch an der selben Stelle. Mal abgesehen vom zerknautschten Kopf, ist der Rest von mir gemütlich in Zelt und Schlafsack eingepackt. Meine Birne ragt aus dem Zelt und hat im nassen Rasen gelegen.
Wie spät isses?
Ich pule mein Handy aus Hose, Schlafsack und Zelt. Kurz vor Mitternacht. Ich rutsch ins Zelt und such Jochen.

Rauschende Zahlen in meinem Kopf als ich abschätze wie viele Menschen wohl schon diesen kleinen Probierlöffel allein heute im Mund hatten. Als Jochen bereitwillig zuschlingt zieht sich bei mir unwillkürlich die rechte angewiederte Lefze hoch.
„Mhmmm!“
Ich hole tief Luft und schleck die mir dargebotene Portion vom Löffel.
„Mhmm…ohhh“
Der Typ doziert mittlerweile ohne Luft zuholen über seinen Honig, redet von Gelee Royal und preist seine handbemalten Gläschen.
Er will nen Zehner für jedes Glas.
In dem Moment schlagen hinter ihm zwei Mädels auf. Er pausiert unser zähes Verkaufsgespräch und quatscht die beiden an.
Am Ende seines Vortrags nehmen die beiden zwei Gläser, haben aber nur nen Zehner insgesamt. Er verkauft trotzdem zum Freundschaftspreis.
Als er sich wieder zu uns umdreht steh ich breit grinsend vor ihm, halte ihm mit der Linken einen Zehn-Euro-Schein hin und zeig ihm mit der Rechten „2“.

Das Logbuch der Fusionauten

Im Zelt ist es dunkel. Sobald ich wieder ziehe fährt ein oranger Schein über mein Gesicht und beleuchtet Jochen und Willis linke, mir zugewandte Hälfte in hellem Rot. Die Uhr zeigt eine Zeit zwischen 8 Uhr und 11, aber sie funktioniert schon lange nicht mehr.
Seit wir gerade von The Cat Empire geweckt wurden, will ein ‚Sag Ja zum Leben’ – Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht weichen. Aus der Richtung, dieser entfernten Bar, aus der gerade noch ‚Hello’ zu uns rüber dröhnte reiht sich jetzt ein elektrisches Wabern ins Fusion-Dickicht.

Das Konzept: Fusion, hat uns erfasst.

Im Zwielicht irgendwo zwischen Zeltplatz C6 und der Lenin-Allee, zwischen dem roten Platz und der Oase, auf einem linken Acker, der den Che-Guevara-Ring bedeutet steht dieser Typ vor mir und versucht mir wahlweise Acid, MDMA oder Pilze zu verkaufen.
Ich sage: „Hast du auch Gras?“
Er sagt: „Ne, aber kann ich dir besorgen!“
Er beendet jeden Satz mit klar ausformuliertem Ausrufezeichen. Er schreit. Ich glaube er ist drauf, sein bester Kunde.
Ich sage: „Man, so machst du doch nur Miese.“
Er sagt: „Häh!!!“
und fummelt heftig an seiner Nase.
Er sagt: „Wenn du Bock auf richtig Action hast, kann ich dir auch Liquid Exstasy besorgen!“
Er sagt: „Jaja, kann ich dir besorgen!“
Ich sage: „Liquid Exstasy + Alkohol = Tatü Tata“
und deute auf das halbleer gurgelnde Partyfässchen in meinem Arm.
Er zieht in Richtung eines aufziehenden Regenschauers von Dannen.

Die Idee des aufgeknüpften Maschendrahtzauns ist nicht neu.
„Neuland“ steht in roten, großen Sperrholz-Lettern über unseren Köpfen. Das Gewicht von drei schweren, vom Tanzen und Konsumieren erschlafften Körpern, von sechs TetraPaks Eistee und Wasser, von großen, glücklichen Gedanken und niederziehender Selbstzufriedenheit lässt das Netz, in dem wir uns verfangen mit seinen weit ausufernden Verknüpfungen bis fast zum Boden durchhängen.

Von Nicht-weit-entfernt hören wir Musik zum träumen. Zaubermusik.
Ich gleite durch die Dunkelheit des Waldes, vorbei an Säulen aus Licht, hin zum Ursprung der Vibrationen, der Anschläge, die alles, das Blätterdach, die trägen Geschöpfe der Nacht, meine Glieder, Kleidung, Gedanken und sogar die Straßen aus Licht in sommerliche Schwingung versetzen.
Sommerliebe liegt in der Luft und ich flüchte mich in den Wald.

Zu Hause wird alles anders, denk’ ich zum Einschlafen, zwischen zwei Schlücken aus dem Rumtopf, zwischen zwei Zügen, zwischen Chips und Salzstangen. Du bist dann nicht mehr auf der Fusion. Die Welt dreht sich andersherum auf der Fusion. Kontrovers. Zu Hause wird alles anders, denk’ ich und penn’ ein.