Das Logbuch der Fusionauten

Im Zelt ist es dunkel. Sobald ich wieder ziehe fährt ein oranger Schein über mein Gesicht und beleuchtet Jochen und Willis linke, mir zugewandte Hälfte in hellem Rot. Die Uhr zeigt eine Zeit zwischen 8 Uhr und 11, aber sie funktioniert schon lange nicht mehr.
Seit wir gerade von The Cat Empire geweckt wurden, will ein ‚Sag Ja zum Leben’ – Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht weichen. Aus der Richtung, dieser entfernten Bar, aus der gerade noch ‚Hello’ zu uns rüber dröhnte reiht sich jetzt ein elektrisches Wabern ins Fusion-Dickicht.

Das Konzept: Fusion, hat uns erfasst.

Im Zwielicht irgendwo zwischen Zeltplatz C6 und der Lenin-Allee, zwischen dem roten Platz und der Oase, auf einem linken Acker, der den Che-Guevara-Ring bedeutet steht dieser Typ vor mir und versucht mir wahlweise Acid, MDMA oder Pilze zu verkaufen.
Ich sage: „Hast du auch Gras?“
Er sagt: „Ne, aber kann ich dir besorgen!“
Er beendet jeden Satz mit klar ausformuliertem Ausrufezeichen. Er schreit. Ich glaube er ist drauf, sein bester Kunde.
Ich sage: „Man, so machst du doch nur Miese.“
Er sagt: „Häh!!!“
und fummelt heftig an seiner Nase.
Er sagt: „Wenn du Bock auf richtig Action hast, kann ich dir auch Liquid Exstasy besorgen!“
Er sagt: „Jaja, kann ich dir besorgen!“
Ich sage: „Liquid Exstasy + Alkohol = Tatü Tata“
und deute auf das halbleer gurgelnde Partyfässchen in meinem Arm.
Er zieht in Richtung eines aufziehenden Regenschauers von Dannen.

Die Idee des aufgeknüpften Maschendrahtzauns ist nicht neu.
„Neuland“ steht in roten, großen Sperrholz-Lettern über unseren Köpfen. Das Gewicht von drei schweren, vom Tanzen und Konsumieren erschlafften Körpern, von sechs TetraPaks Eistee und Wasser, von großen, glücklichen Gedanken und niederziehender Selbstzufriedenheit lässt das Netz, in dem wir uns verfangen mit seinen weit ausufernden Verknüpfungen bis fast zum Boden durchhängen.

Von Nicht-weit-entfernt hören wir Musik zum träumen. Zaubermusik.
Ich gleite durch die Dunkelheit des Waldes, vorbei an Säulen aus Licht, hin zum Ursprung der Vibrationen, der Anschläge, die alles, das Blätterdach, die trägen Geschöpfe der Nacht, meine Glieder, Kleidung, Gedanken und sogar die Straßen aus Licht in sommerliche Schwingung versetzen.
Sommerliebe liegt in der Luft und ich flüchte mich in den Wald.

Zu Hause wird alles anders, denk’ ich zum Einschlafen, zwischen zwei Schlücken aus dem Rumtopf, zwischen zwei Zügen, zwischen Chips und Salzstangen. Du bist dann nicht mehr auf der Fusion. Die Welt dreht sich andersherum auf der Fusion. Kontrovers. Zu Hause wird alles anders, denk’ ich und penn’ ein.

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